Borreliose


1975 machte eine Hausfrau den staatlichen Gesundheitsdienst im nordamerikanischen Bundesstaat Connecticut darauf aufmerksam, daß in der Umgebung der Ortschaft Lyme vermehrt Kinder an "juveniler rheumatischer Arthritis" erkrankt waren. Alle betroffenen Personen waren vor Ausbruch der Erkrankung von Zecken "gebissen" worden. Erst 1982 gelang es einem Forscher in den USA, den Erreger zu isolieren. 1984 wurde für diese Bakterien, es handelt sich hierbei um Spirochäten, der Name Borrelia burgdorferi vorgeschlagen und weltweit auch anerkannt.

Der erste Fall einer Lyme-Borreliose beim Hund wurde 1984 in den USA beschrieben. Seit dieser Zeit hat die Zahl der erkannten Fälle bei Hunden weltweit, auch in Deutschland, zugenommen. Die Lyme-Borreliose des Hundes tritt korrespondierend zu den Phasen der Nahrungsaufnahme (Blutmahlzeiten) der Zecken saisonal auf, vor allem vermehrt in den Monaten Mai bis Oktober, wobei der Gipfel im Juli/August liegt. In Deutschland ist der Gemeine Holzbock in bis zu 20 bis 40 Prozent, die Igelzecke in 10 bis 12 Prozent der Fälle regional zum Teil sehr unterschiedlich mit Borrelia burgdorferi infiziert. Für das Angehen der Lyme-Borreliose-Infektion beim Hund ist es erforderlich, daß die infizierte Zecke in der Regel 24 Stunden und länger am Tier saugt. Je kürzer das Verweilen der Zecke, desto unwahrscheinlicher, daß es zu einer Infektion kommt. Die bisher vorliegenden Erkenntnisse sprechen außerdem dafür, daß Hunde offensichtlich spät bzw. erst nach wiederholter Infektion an Lyme-Borreliose erkranken. Diese zeigt beim Hund meist einen akuten Verlauf mit einer vielgestaltigen klinischen Symptomatik, die sich nicht wie beim Menschen in klare Krankheitsbilder unterscheiden läßt (Chamäleon der Infektionskrankheiten).

Am häufigsten treten beim Hund im Zusammenhang mit einer Lyme-Borreliose-Infektion Schmerzen, Lahmheit Schwellung eines oder mehrere Gelenke, insbesondere der Sprunggelenke auf. Diese Symptome sind meistens von gestörtem Allgemeinbefinden, Mattigkeit, Appetitlosigkeit und/oder Fieber begleitet. Die betroffenen Gelenke und Extremitäten sind geschwollen, vermehrt warm und bei Berührung vielfach schmerzhaft. Auch immer wiederkehrende Gelenksentzündungen mit mehreren Krankheitsschüben, wobei diese Krankheitsperioden unter Umständen 1 - 2 Jahre dauern, können auftreten.
Es konnten inzwischen auch klinische Verläufe beobachtet werden, deren Leitsymptome jeweils einer akuten Erkrankung peripherer Nerven (Polyneuritis) entsprachen. Bei den betreffenden Hunden reichte die klinische Symptomatik von einer Überempfindlichkeit im Bereich der Rückenmuskulatur bis hin zur Lähmung der Hintergliedmaßen, wobei sämtliche Muskeleigenreflexe erhalten geblieben und die Tiere voll orientiert waren. Dieses Krankheitsbild ähnelte weitgehend dem Guillain-Barré-Syndrom beim Menschen, das ebenfalls durch Borrelia burgdorferi hervorgerufen werden kann.

Das beim Menschen im Zusammmenhang mit der Lyme-Borreliose sehr häufig auftretende Krankheitsbild des Erythema chronicum migrans ("Wanderröte") wurde beim Hund bisher nur sehr selten beobachtet.

Es können aber bei dieser Tierart nach Infektionen mit Borreliose burgdorferi in vereinzelten Fällen Hauterkrankungen in Form von Rötung der Haut alleine oder im Zusammenhang mit anderen Krankheitserscheinungen, wie z.B. Lahmheit, auftreten. Auch eitrige Hautausschläge - vielfach als "hot spot" bezeichnet - konnten auf eine Lyme-Borreliose zurückgeführt werden.
In ca. fünf Prozent der Fälle kann sich die Lyme-Borreliose beim Hund als Lymphknotenentzündung zeigen. In entsprechenden Fällen werden schmerzhafte Lymphknoten- schwellungen meist im Zusammenhang entweder mit fieberhaftem, gestörtem Allgemeinbefinden oder mit dem Auftreten von Gelenksentzündungen beschrieben.

Ferner kann die Borrelia-burdorferi-Infektion beim Hund in ca. 2% der Fälle mit schweren Nierenfunktionsstörungen einhergehen. Da aber auch in anderen Fällen dieser Erreger schon häufiger im Urin von Hunden nachgewiesen worden ist, scheint die Beteiligung der Nieren bei der Lyme-Borreliose des Hundes kein seltenes Ereignis zu sein.
Außerdem finden sich im wissenschaftlichen Schrifttum Hinweise, daß die Borrelia burgdorferi-Infektion beim Hund in Einzelfällen sich auch als Herzmuskelentzündung manifestierte.
Nicht zuletzt muß noch daraufhingewiesen werden, daß in nicht wenigen Fällen Infektionen mit Borrelia burgdorferi beim Hund ohne jegliche klinische Symptome verlaufen können. So wurden in amerikanischen Endemiegebieten, wie z. B. Connecticut, Massachusetts, New York, Wisconsin, bei Hunden latente Durchseuchungsraten mit dem Erreger der Lyme-Borreliose von 24 - 53 % ermittelt. In anderen Gebieten lagen entsprechende Nachweisquoten unter 5 %, was derzeit auch für Deutschland zutrifft.
Bei der vielfältigen klinischen Symptomatik, mit der die LymeBorreliose beim Hund einhergehen kann, ist klinisch nur eine Verdachtsdiagnose möglich. Deren Absicherung gelingt nur in den seltensten Fällen durch einen direkten Erregernachweis, der sich auch für die veterinärmedizinische Routinediagnostik als zu zeit- und arbeitsaufwendig erweist. Aus diesem Grund erfolgt gegenwärtig die Diagnose einer Borrelia-burgdorferi-Infektion beim Hund routinemäßig mittels serologischer Untersuchungen, wobei am häufigsten der Indirekte Immunfluoreszenztest (IFT), aber auch zunehmend der ELISA eingesetzt wird, Erschwerend für die serologische Diagnose ist allerdings die Tatsache, daß auch in hohen Serumverdünnungen (bis zu 1 : 8192) ein positiver Ausfall des IFT beobachtet werden kann, ohne daß die betreffenden Tiere jegliche klinische Symptomatik zeigen. Dies kann vor allem in Endemiegebieten der Fall sein. Aus diesem Grunde darf der mittels IFT festgestellte Titer nicht für sich alleine, sondern stets nur im Zusammenhang mit dem Vorbericht (Zeckenbefall) und klinischem Befund interpretiert werden.
Glücklicherweise spricht die Lyme-Borreliose des Hundes auf eine Reihe von Antibiotika gut an, wenn eine entsprechende Behandlung rechtzeitig eingeleitet wird. Diese weicht nicht wesentlich von der Antibiotika- behandlung beim Menschen ab, Die Verabreichung entsprechender Substanzen durch den Tierarzt muß aber über einen Zeitraum von mindestens 30 Tagen, unter Umstanden noch länger erfolgen, um Rückfälle zu vermeiden.
In den letzten Jahren wurden vor allem in den USA erhebliche Anstrengungen unternommen zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Lyme-Borreliose beim Hund. In Feldstudien haben sich diese z. T. gut bewährt. Auch für Deutschland ist ein Impfstoff zugelassen.