Krankheiten


Haut- und Fellerkrankungen

Die große Lufthaltigkeit der Markschicht der Haare bedingt eine gute Isolierung und Flauschigkeit des Fells. Kaninchen bilden - vergleichbar mit Katzen - ein sehr dichtes Winterfell, wenn sie ausschließlich im Freien gehalten werden.
Sie werden im Regen nicht nass, da das Regenwasser oberflächlich am Haarkleid abperlt und nicht die Haut erreicht. Folglich frieren sie nicht. Kindern muss verdeutlicht werden, dass Kaninchen im Winter nicht stundenweise zum Spielen reingetragen werden sollen, sonst droht ein "Klimaschock".

Milben-, Läuse- oder Flohbefall zeigt sich durch ein struppiges Haarkleid, starken Juckreiz, Schuppenbildung und Unruhe des Tieres.
ACHTUNG: z.T. können diese Milben, speziell Cheyletiella parasitivorax, auch auf den Menschen übertragen werden und dort stark juckende, entzündliche Hautveränderungen hervorrufen.

Kreisförmiger Haarverlust, Schuppen oder Borkenbildung der Haut kann ein Hinweis auf eine Hautpilzerkrankung (vorwiegend Trichophytie) sein - VORSICHT, da auch für Menschen ansteckend (der behandelnde Humanmediziner sollte über die bestehende Pilzerkrankung des Kaninchens informiert werden). Kaninchen können aber auch vollkommen symptomlos sein und trotzdem Infektionsquelle einer menschlichen Hautpilzerkrankung sein.

Wunde Läufe mit Geschwürbildung an den Sohlen sind immer Zeichen eines schwerwiegenden Haltungsfehlers. Sie treten bei Haltung auf ungeeignetem oder ständig feuchtem Untergrund auf und sind zumeist nur noch schwer unter Verbänden heilbar. Vermieden werden kann diese Erkrankung, wenn die Kaninchen auf einer dicken Lage Stroh, Heu oder einem Gemisch von beidem gehalten werden. Holzeinstreu, Sägespäne oder Katzenstreu sollten unbedingt vermieden werden.

Zu lange Krallen entstehen durch ungenügende Abnutzung bei Bewegungsarmut oder zu weicher Einstreu. Bei einem Käfigkaninchen sollten diese daher regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf mit einer handelsüblichen Fußnagelschere auf ca. 1 cm Länge abgeknipst werden.
Zu lange Krallen können abbrechen und so zu unnötigen Schmerzen und Blutungen aus dem Krallenbett führen. Nicht selten kann sogar ein Zehenknöchelchen mit brechen und dann zu einer dauerhaften Fehlstellung der Zehe führen.

Zahnerkrankungen

Die Milchzähne werden bis zum 19. Lebenstag durch bleibende Zähne ersetzt, ab dem 27. - 35. Lebenstag (= Absetzalter) hat das Kaninchen ein komplettes permanentes Gebiss.

Die Schneidezähne haben nur auf der Vorderseite einen harten Schmelzbelag, wodurch sich die meißelähnliche Form sowie die Schärfe der Schneidezähne ergibt.
Alle Zähne des Kaninchens sind wurzeloffene Zähne, die lebenslang permanent nachwachsen. Unterkieferzähne wachsen schneller als Oberkieferzähne. Die Wachstumsrate der Zähne beträgt pro Jahr ca. 10 cm. Die Wachstumsgeschwindigkeit nimmt mit dem Alter zu.
Die Abnutzung der Zähne muss in einem physiologischen Gleichgewicht mit dem dauerhaften Zahnwachstum stehen. Wenn dieses Gleichgewicht gestört ist, kommt es zu einem unzureichenden Zahnabrieb und infolgedessen zu Zahnüberlängen.
Eine ausreichende Zahnabnutzung ist nur dann gewährleistet, wenn dem Kaninchen überwiegend eine sehr rohfaserreiche Fütterung geboten wird, die ein intensives Mahlen mit den Backenzähne notwendig macht, d. h. Heu oder Stroh bilden die Grundnahrung und sollten durch abwechslungsreiches Frischfutter (Blätter, Kräuter, Leguminosen, Obst) ergänzt werden.

Es kann zwischen erworbenen und angeborenen Zahnfehlstellungen unterschieden werden.
Letztere sind zuchtbedingt, bestehen seit Geburt und beruhen auf einer angeborenen Fehlstellung der Zähne oder des Kiefers. Überwiegend sind rundköpfige Kaninchen davon betroffen - sie entsprechen eher unserem "Niedlichkeitsideal" (Kindchen-Schema).

Mangelnde Abnutzung, Fehlstellung oder erblich bedingte Unterkieferfehlstellung können zur Verlängerung der Backen- und Schneidezähne führen. Dabei bohren sich nadelspitze Zahnspangen in Wange oder Zunge und und führen dort zu schmerzhaften Mundschleimhautverletzungen. Die vorderen unteren Backenzähne können im Extremfall bis zur kompletten Brückenbildung über der Zunge zusammenwachsen und so das Abschlucken der Nahrung verhindern. Die betroffenen Tiere speicheln stark und haben unzerkautes, breiiges Futter in den Mundwinkeln kleben. Häufig entwickeln sich stark juckende eitrig nässende Hautentzündungen im Kinn-Halsbereich auf Grund des dauernd auslaufenden Speichels. Sie magern stark ab und haben gleichzeitig schwere Verdauungsstörungen.

Die Behandlung besteht in einem Abschleifen der Backenzähne unter Vollnarkose auf die physiologische Länge. Zuvor muss aber oft durch tagelanges Zwangsfüttern der Ernährungs- und Gesundheitszustand des Kaninchens stabilisiert werden, damit der Patient die Narkose lebend übersteht.

Hart-teigig und sich für das Tier schmerzhaft anfühlende Umfangsvermehrungen am Kinn-Unterkieferbereich von Kirsch- bis Golfballgröße sind überwiegend Abzesse, die von einer Zahnwurzelvereiterung eines Backenzahns ausgehen. Ursache ist fast immer eine rohfaserarme und daher nicht artgemäße Ernährung, z.B. mit ausschließlich Fertigfutter aus dem Zoohandel und den daraus resultierenden Zahnveränderungen.
Da der Eiter von Kaninchen sehr zähflüssig bis pastös ist, muss immer eine Abszess-Spaltung und Ausräumung der Abszesshöhle bis auf den Kieferknochen unter Vollnarkose erfolgen. Leider neigt diese Erkrankung dazu, immer wieder neu aufzutreten, da eine bleibende Backenzahnsanierung beim Kaninchen nur sehr schwer möglich ist.

Magen-Darm-Erkrankungen

Kaninchen können auf Grund ihres sehr dünnwandigen Magens nicht erbrechen! Bei zu großen Fütterungsabständen können sich die Tiere überfressen, d. h. es besteht die Gefahr der Magenüberladung mit Zerreißung der Magenwand. Das einmal aufgenommene Futter muss den Darmkanal passieren und kann nicht zum Zwecke der Erleichterung erbrochen werden.
Die Magenüberladung entsteht zumeist durch abrupte Futterumstellung oder Überangebot von Lieblingsfutter. Ein aufgetriebener, trommelartiger Oberbauch und Bauchschmerzen sind die alarmierenden Symptome, die einen alsbaldigen Tierarztbesuch dringend notwendig machen (häufig Kreislaufversagen mit Todesfolge innerhalb kurzer Zeit durch den Druck des Magens auf Lunge und Herz).

Eine ähnliche, ebenfalls schnell lebensbedrohlich werdende Erkrankung ist die Trommelsucht, eine Aufgasung der Dickdärme im Unterbauchbereich. Hier sind immer (!) getreidestärkehaltige Futtersorten (wie in den meisten "Leckerli´s und Trockenfertigfuttersorten) in Kombination mit der Fütterung von feuchtem oder angegorenem Grünfutter die Hauptursache.

Zu Durchfall kommt zumeist durch eine unregelmäßige, zu wechselhafte Fütterung oder durch plötzliche Gabe von ungewohntem (auch z.B. zucker- oder getreidehaltiger Leckerli) oder verdorbenem Futter. Wie alle Pflanzenfresser sollte ein Kaninchen so gleichmäßig wie möglich gefüttert werden - also: MIT KONSEQUENTER BOSHAFTIGKEIT JEDEN TAG DAS GLEICHE FUTTER!

Auch parasitäre Ursachen, wie Würmer und Kokzidien, können eine Ursache von Durchfall sein. Eine Kotuntersuchung auf die mikroskopisch kleinen Eier und Parasitenzysten hilft weiter.

Durchfall zeigt sich durch einen mit Kot verschmierten Afterbereich (normale, gesunde Kaninchen sind im Afterbereich genauso blitzsauber wie Katzen). Im schlimmsten Falle können dort in dem kotverklebten Fell Fliegen ihre Eier ablegen. So kann es binnen Stunden zu einem schweren Befall mit Fliegenmaden kommen, die das Kaninchen bei lebendigen Leibe anfressen und zu schwersten Hautschäden und sehr häufig sogar zum Tode des Tieres durch Toxinbildung führen. Bei Durchfall im Sommer sollte neben der Bekämpfung der Durchfallursache also auch täglich der Afterbereich mehrfach kontrolliert und bei Bedarf gereinigt werden, z.B. durch vorsichtiges Putzen mit Toilettenfeuchtüchern.

Erkrankung der Atemorgane

Der ansteckende Kaninchenschnupfen ist unter den Hauskaninchen weit verbreitet. Eitriger Nasenausfluß und eitrige Bindehautentzündung sind die Hauptsymptome. Eine vollständige Heilung ist schwierig, da eine Vielzahl von Erregern (überwiegend Pasteurellen und Bordetellen) Ursache sind. Eine gute Chance besteht nur bei frühzeitigem Behandlungsbeginn mit Antibiotika-Injektionen und örtlicher antimikrobieller Behandlung der entzündeten Augen. Häufig bleibt ein chronischer, nicht mehr heil- aber linderbarer Zustand zurück.
Wichtig ist eine häufige Reinigung der verklebten Augenlider und der Nase, z.B. mit physiologischer Kochsalzlösung und vorsichtiges Entfernung der Krusten. Bitte niemals Kamillentee am Auge von Tier oder Mensch anwenden!!! (Kamillentee wirkt austrocknend und allergieauslösend)

Augenerkrankungen

Eitrige Bindehautentzündungen anderer Ursache treten beim Kaninchen recht häufig auf. Die Ursachen ist in vielen Fällen ein zu staubige, die Bindehäute des Auges reizende Einstreu, z.B. staubige Sägespäne, schimmeliges Heu. Mit antibiotischen Augensalben oder -tropfen erreicht man im Frühstadium recht schnell eine Heilung. Je länger die Bindehautentzündung besteht, um so größer ist die Gefahr einer Verstopfung des feinen Tränen-Nasen-Kanals mit Entzündungssekret. Die Folge ist dann oft eine nicht mehr heilbare chronische Augenentzündung. Oftmals müssen begleitend zur antibiotischen Therapie der Tränen-Nasen-Kanal mehrmals vorsichtig freigespült werden. Die meisten Tiere dulden dies ohne Sedierung oder Narkose.

Hornhautverletzungen treten immer mal wieder auf. Ursache ist zumeist ein Fremdkörper im Auge oder eine Verletzung der Hornhaut durch Heu- oder Strohhalme.
Unbehandelt führen sie zu Erblindung.

Herz- / Kreislauferkrankungen

Kaninchen werden nicht selten in der Kleintiersprechstunde oder im Notdienst mit Herzkreislaufversagen vorgestellt. Eine Röntgenaufnahme zeigt häufig neben einer Fettsucht eine ausgeprägte Flüssigkeitsansammlung in der Lunge (Stauungsödem) und/oder Bauchwassererguss. Analog zu Hunden und Katzen können auch bei Kaninchen und Meerschweinchen mit dem Herzultraschall krankhafte Herzerweiterungen festgestellt werden.

Therapeutisch kommen pflanzliche Wirkstoffe wie Crataegutt oder auch ACE-Hemmer in Frage. Recht häufig kommt dieses Krankheitsbild bei übermäßig verfetten Kaninchen vor (zu kalorienreiches Fertigfutter und mangelnder Auslauf) und führt dann zu plötzlichen, anfangs unerklärlichen Todesfällen durch Herzversagen auf Grund von Herzmuskelveränderungen. Diese Tiere sind zumeist aus falsch verstandener Tierliebe oder Unwissenheit im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode gefüttert worden.

Infektionskrankheiten

Die Enzephalitozoonose beim Kaninchen
ist eine Infektion durch einen parasitären Einzeller (Encephalitozoon cuniculi). Die Infektion erfolgt über die Aufnahme von Sporen des Erregers im Futter. Über das Blutsystem wird der Krankheitserreger in alle Organe verbreitet, auch in das Gehirn, wo dann durch eine Gehirn- und/oder Gehirnhautentzündung die typischen neurologischen Krankheitssymtome ausgelöst werden.
Im akuten Krankheitsverlauf zeigt das Tier eine Drehung des Kopfes, eine erhöhte Schreckhaftigkeit, Seitenlage und anfallsweises Rotieren um die Körperlängsachse. Lähmungen und plötzliche Todesfällen können auftreten.
In der Regel führt bei Früherkennung eine Therapie in den ersten 24 Stunden zu einer deutlichen Besserung des Krankheitsbildes, mindestens jedoch zu einem Stillstand des Verlaufs der neurologischen Symptome.
Später wird die Prognose immer schlechter.
Gelegentlich wird während der Behandlung in den ersten 2 - 3 Tagen eine Verschlechterung des Krankheitsbildes beobachtet. Eine Therapie sollte jedoch dann fortgesetzt werden, wenn die Tiere noch fressen und der Kot- und Harnabsatz funktionieren. Meist gibt es eine deutliche Erholung am 3. - 5. Therapietag, so dass die meisten Patienten nach einer Woche vollständig wiederhergestellt sind.
Sollte sich trotz Therapie das Krankheitsbild weiterhin drastisch verschlechtern und insbesondere die enzephalitisbedingten Symptome zunehmen, ist die Prognose schlecht und aus Tierschutzgründen eine Euthanasie abzuwägen.
Eine vorbeugende Behandlung, z.B. in Form einer Schutzimpfung gibt es nicht.
ACHTUNG: diese Erkrankung ist auch auf den Menschen übertragbar!

Myxomatose: siehe bei Schutzimpfung

RHDV-I und RHDV-II: siehe bei Schutzimpfung

Verletzungen

Da Kaninchen recht spröde Knochen haben, ihre Hinterbeinmuskulatur sehr kräftig ausgebildet und ihre Reflexbereitschaft sehr hoch ist, kann es schon durch plötzliche, häufig sehr heftige Abwehrbewegungen und unvorhergesehene Fluchtreaktionen zu Brüchen von Gliedmaßenknochen oder der Wirbelsäule kommen. Zumeist betrifft dies Kaninchen, die in ihrer Wachstumszeit rohfaserarm, zu energiereich und mit zu wenig Bewegungsmöglichkeit aufgezogen wurden
Durch Fassen am reichlichen Nackenfell und einer Fellfalte an der Kruppe kann ein Kaninchen gefahrlos und ohne Schmerzen kurzfristig angehoben und festgehalten werden. Das alleinige Anheben nur an den Ohren bereitet dem Tier Schmerz und kann bei Abwehrbewegungen zu Verletzungen an der Halswirbelsäule führen.

Gynäkologie

Kaninchenweibchen haben keinen regelmäßigen Geschlechtszyklus, sie bilden ständig Follikel an ihren Eierstöcken. Dies bedeutet, dass sie ständig deck- und befruchtungsbereit sind. Der Eisprung erfolgt erst mit dem Deckakt. Schon am Tage einer Geburt können Kaninchenweibchen erneut erfolgreich befruchtet werden!
Kaninchenwelpen werden durchschnittlich nur 1 - 3 mal täglich gesäugt, ansonsten bleiben sie alleine in der Wurfhöhle. Daher muss einem säugenden Weibchen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Kinder allein zu lassen. Ein dauerhafter Kontakt zu den Welpen auf Grund eines engen Käfigs führt zu Stress und Verhaltensstörungen beim Muttertier (z.B. das Töten und Fressen der eigenen Welpen).
Kaninchenwelpen werden mit durchschnittlich 4 Wochen abgesetzt und sollten dann unbedingt vom Muttertier getrennt werden. Sie können in diesem Alter auch schon abgegeben werden, da sie schon vollkommen selbständig sind.